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Die Sage vom dreibeinigen Hund

Die Sage vom dreibeinigen Hund

Wo heute in der Altstadt die Büttnerstraße in die Hugo-Keller-Straße mündet, gab es noch vor 150 Jahren ein Abzugsloch für Tau- und Regenwasser. Man nannte es das "Hundeloch", und sogar der Bäcker, der dort wohnte, wurde seinen Namen "Hundebäcker" nicht mehr los. Das hing mit der Sage vom dreibeinigen Hund zusammen.
Nur einmal im Jahre, nämlich in der Weihnachtsnacht, tauchte ein geheimnisvoller Hund, groß wie ein Kalb, in Görlitz auf. Sein Fell war schwarz und zottig, seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen, und er bewegte sich auf nur drei Beinen behende vorwärts. Ließ man ihn ungestört seinen gewohnten Weg nehmen, so tat er niemand was zuleide. Gewöhnlich entstieg er einem Wasserloch am Jakobshospital (heute etwa vor der Adler-Apotheke), trottete die Jakobsgasse hoch, schlüpfte durch das Frauentor am Dicken Turm, bis er endlich das andere Wasserloch am Nikolaiturme erreicht hatte, wo er fürs erste verschwand. Wenig später machte er sich durch die Verrätergasse auf den Rückweg, und eine Stunde nach Mitternacht war er für ein weiteres Jahr untergetaucht.
Die Stadtsoldaten, die auch in der Weihnachtsnacht an den Stadttoren Wache standen, kannten sich in dieser seltsamen Angelegenheit aus. Stillschweigend ließen sie das Pförtchen am Frauentore zur Mitternachtsstunde offen, damit der Hund leicht hindurchkommen konnte. Jeder Wachsoldat, der in der fraglichen Nacht seinen Dienst zu versehen hatte, war vorher von seinen Kameraden über das Geheimnis unterrichtet worden. Nun gab es in einem Jahre unter ihnen einen draufgängerischen Heißsporn, der es mit Tod und Teufel aufzunehmen gedachte. Der wollte auch an dem Hund sein Mütchen kühlen. In dieser Weihnachtsnacht heulte der Sturm um Tore und Türme. Dieweil seine Kameraden in der Wachtstube um den warmen Ofen saßen, verschloss der Soldat die Pforte und stellte sich wie in der Feldschlacht mit aufgepflanztem Bajonett hinter dem Frauentore in Positur. Als der Hund ganz gegen die Gewohnheit den Durchschlupf verschlossen fand, geriet er in Zorn. Er schüttelte sein mächtiges Fell, bleckte die Zähne und funkelte böse mit den Augen. In einem gewaltigen Satz übersprang er das Tor. Die Wachsoldaten wurden durch ein lautes Schnauben und Poltern aufgeschreckt, und als es wieder still geworden war, liefen sie zu dem großsprecherischen Heldenanwärter hinaus. Der war ohnmächtig neben dem Schilderhause zusammengesunken. Seine Flinte war hin, ihren Lauf musste jemand zusammengedreht haben wie zu einer Schraube. Der Soldat kam bald wieder zu sich, aber sein Gedächtnis hatte gelitten. Drei Wochen darauf soll er gestorben sein. Seitdem hat sich keiner mehr mit dem dreibeinigen Hund angelegt.

Text: Dr. Ernst Kretzschmar

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