- Klingewalde/Historische Altstadt/Nikolaivorstadt
Begrünte Spielstraße Langenstraße
Die Projektidee „Begrünte Spielstraße Langenstraße“ zielt auf eine qualifizierte Verkehrsberuhigung des Abschnitts zwischen Breite Straße und Fleischerstraße in der Görlitzer Altstadt. In einem bereits heute verkehrlich untergeordneten Straßenraum sollen Aufenthalts-, Spiel- und Grünfunktionen gestärkt und der öffentliche Raum ergänzend neu gewichtet werden. Durch die Reduktion des ruhenden Verkehrs zugunsten klarer Kurzhaltebereiche entstehen zusammenhängende Freiflächen für Anwohner, Familien sowie ansässige kulturelle und gewerbliche Nutzungen. Ergänzend greift das Projekt den historisch belegten unterirdischen Wasserlauf auf und prüft dessen behutsame, oberirdische Sichtbarmachung als klimaaktives Gestaltungselement. Die Maßnahme versteht sich als kleinteiliger, übertragbarer Impuls für eine klimaangepasste, familienfreundliche und denkmalbewusste Weiterentwicklung der Altstadt.
1. Warum dieses Projekt für Görlitz sinnvoll ist
Die Langenstraße im Abschnitt zwischen Breiter Straße und Fleischergasse vereint in besonderer Weise zentrale Qualitäten der Görlitzer Altstadt: Wohnen, kleinteilige Gewerbe- und Gastronomiestrukturen, kulturelle Nutzungen sowie historisch gewachsene Freiräume. Der Straßenraum ist bereits heute überwiegend erschließend, verkehrlich untergeordnet und zugleich einer der wenigen begrünten Abschnitte der Altstadt.
Eine qualifizierte Verkehrsberuhigung mit Aufenthalts-, Spiel- und Grünfunktionen kann diesen vorhandenen Charakter sichtbar machen, Nutzungskonflikte reduzieren und den Straßenraum klarer auf Aufenthalt und soziale Nutzung ausrichten. Ergänzend eröffnet der historisch belegte unterirdische Wasserlauf mit bestehenden Brunnenanlagen die seltene Möglichkeit, ein identitätsstiftendes, klimawirksames und sinnlich erfahrbares Element behutsam in den öffentlichen Raum zurückzuführen. Das Projekt versteht sich damit als kleinteiliger, zugleich übertragbarer Impuls für eine familienfreundliche, klimaangepasste und denkmalbewusste Weiterentwicklung der Görlitzer Altstadt.
2. Lage und verkehrliche Einordnung
Der betrachtete Abschnitt der Langenstraße zwischen Breiter Straße und Fleischergasse ist verkehrlich eindeutig untergeordnet und dient ausschließlich der Erschließung des Quartiers. Die Straßenführung ist durch Einbahnregelungen, Sackgassen und Rückführungen so strukturiert, dass weder Durchgangsverkehr noch eine übergeordnete Netzfunktion gegeben sind. Die Langenstraße ist im Projektbereich nur über den Grünen Graben erreichbar; eine Durchfahrt in Ost-West-Richtung ist ausgeschlossen. Breite Straße, Sporergasse, Fleischerstraße und Büttnerstraße übernehmen jeweils klar definierte Erschließungs- oder Rückführungsfunktionen, ohne zusätzlichen Ziel- oder Durchgangsverkehr in den Abschnitt zu leiten.
Auch alternative Zuwegungen über angrenzende Gassen bestehen lediglich als residuale Erschließungen für ortskundige Anwohner und entfalten keine verkehrliche Attraktivität für Fremd- oder Suchverkehr. Der Straßenraum ist derzeit trotz seiner ruhigen Erschließungsfunktion nur eingeschränkt als Aufenthalts- und Fußgängerraum nutzbar. Fußgängerströme orientieren sich überwiegend an den südlich parallel verlaufenden Hauptachsen der Altstadt, insbesondere dem stark versiegelten und baulich verdichteten Obermarkt, der in den Sommermonaten deutlich überhitzt ist.
Die vorhandene Verkehrsorganisation der Langenstraße bildet insofern eine stabile Grundlage für eine qualifizierte Verkehrsberuhigung: Die Erreichbarkeit des Quartiers bleibt gesichert, während zugleich das Potenzial besteht, den Straßenraum gezielt als alternative, klimaangepasste und fußgängerfreundliche Verbindung innerhalb der Altstadt zu entwickeln – ohne verkehrliche Verlagerungseffekte oder Beeinträchtigungen des umliegenden Straßennetzes.
3. Bestand, Nutzung und Umnutzung des Straßenraums
Der Straßenraum der Langenstraße ist im betrachteten Abschnitt durch historisches Basaltkopfsteinpflaster geprägt, das gestalterisch und denkmalpflegerisch hochwertig ist, jedoch bei motorisiertem Verkehr eine erhöhte Lärmemission verursacht. Eine klassische Fahrbahnnutzung mit parkenden Fahrzeugen steht damit in einem Spannungsverhältnis zur Materialität des Ortes. Der bestehende Ausbau begünstigt bereits heute niedrige Fahrgeschwindigkeiten und unterstreicht den Charakter der Straße als Erschließungs- und Aufenthaltsraum, ohne dass diese Funktion bislang gestalterisch oder rechtlich konsequent eingelöst ist.
Im Rahmen einer qualifizierten Verkehrsberuhigung soll der Straßenraum künftig vorrangig als Aufenthalts-, Spiel- und Freiraum genutzt werden. Dauerhaftes Parken auf öffentlichem Straßenraum tritt dabei zugunsten klar definierter Kurzhaltebereiche für Be- und Entladung sowie für Bring- und Abholsituationen zurück. Die Erreichbarkeit für Anwohner sowie für ansässige gewerbliche und kulturelle Nutzungen bleibt gewährleistet, während zugleich zusammenhängende Freiflächen entstehen, die eine aktive und sichere Nutzung des Straßenraums ermöglichen.
Die geplante Umnutzung trägt der bestehenden Nutzungsmischung Rechnung: In unmittelbarer Nähe befinden sich gastronomische Angebote, handwerkliche Betriebe, Kunst-Ateliers sowie eine musikpädagogische Einrichtung. Durch die Reduktion des ruhenden Verkehrs und die Neugewichtung der Flächennutzung kann der Straßenraum als sozialer Ort aktiviert werden, an dem Kinder sich aufhalten und spielen können, ohne zwischen parkenden oder rangierenden Fahrzeugen zu agieren. Der Straßenraum wird damit von einer überwiegend funktionalen Abstell- und Durchgangsfläche zu einem gemeinschaftlich genutzten Stadtraum weiterentwickelt.
4. Historischer Wasserlauf, Brunnenanlagen und klimaaktive Gestaltung
Im Bereich der Langenstraße ist ein historisch belegter unterirdischer Wasserlauf vorhanden, der bis heute in einzelnen Grundstücken durch erhaltene Brunnenanlagen sichtbar wird. In der Langenstraße 32 besteht eine denkmalrechtlich hochwertige Brunnenanlage; ein weiteres Gebäude im Straßenverlauf verfügt ebenfalls über eine solche wasserhistorische Struktur. Diese Elemente verweisen auf eine frühere, heute im öffentlichen Raum kaum noch erfahrbare Beziehung zwischen Stadt, Wasser und Alltagsnutzung.
Die geplante Verkehrsberuhigung eröffnet die Möglichkeit, diesen historischen Bezug behutsam und niedrigschwellig wieder in den öffentlichen Raum zurückzuführen. Vorgesehen ist dabei keine technische Inszenierung, sondern die Prüfung eines oberirdisch sichtbaren, flach geführten Wasserverlaufs, der den unterirdischen Wasserlauf thematisch aufnimmt und als mäandrierendes, belebendes Element in den Straßenraum integriert werden kann. Wasser wird so als sinnlich erfahrbares, identitätsstiftendes und klimaaktives Gestaltungselement genutzt.
Gerade im Kontext stark versiegelter und sommerlich überhitzter Altstadtbereiche besitzt die Langenstraße das Potenzial, als klimaangepasster Alternativraum zu wirken. In Verbindung mit Begrünung, Verschattung und Aufenthaltsflächen kann Wasser zur Abkühlung des Mikroklimas beitragen, die Aufenthaltsqualität erhöhen und den Straßenraum als ruhigen, fußgängerfreundlichen Stadtraum neu positionieren. Die Verbindung von Denkmalsubstanz, Klimaanpassung und zeitgemäßer Nutzung verleiht dem Ansatz über den konkreten Ort hinaus Modellcharakter für die Weiterentwicklung der Görlitzer Altstadt.
5. Mehrwert, Pilotcharakter und Übertragbarkeit
Das Projekt „Begrünte Spielstraße Langenstraße“ leistet einen mehrfachen Beitrag zur zukünftigen Entwicklung der Görlitzer Altstadt. Es verbindet Verkehrsberuhigung, Klimaanpassung, Aufenthaltsqualität und denkmalbewusste Gestaltung in einem räumlich klar begrenzten und verkehrlich risikoarmen Straßenabschnitt. Durch die gezielte Weiterentwicklung eines bereits heute überwiegend erschließenden Straßenraums entsteht ein öffentlicher Ort, der soziale Interaktion fördert, Nutzungskonflikte reduziert und die Altstadt als Wohn- und Lebensraum stärkt.
Als Pilotprojekt eignet sich der betrachtete Abschnitt in besonderer Weise: Die vorhandene Verkehrsorganisation erlaubt eine Umsetzung ohne Eingriffe in das übergeordnete Straßennetz, während die bestehende Nutzungsmischung aus Wohnen, Handwerk, Gastronomie, Kultur und Bildung eine unmittelbare Belebung des Straßenraums erwarten lässt. Gleichzeitig können durch Begrünung, Entsiegelung und die Einbindung von Wasser klimaaktive Maßnahmen erprobt werden, die auch für andere Altstadtbereiche mit ähnlicher Struktur übertragbar sind.
Die Projektskizze ist aus dem unmittelbaren Quartierskontext heraus entstanden und wurde in ersten Gesprächen mit Anwohnern fachlich reflektiert; eine weitergehende Einbindung von Akteuren aus dem Umfeld kann im weiteren Prozess schrittweise erfolgen.
Über den konkreten Ort hinaus zeigt das Projekt auf, wie öffentliche Räume in historisch gewachsenen Quartieren behutsam weiterentwickelt werden können, ohne ihre Erreichbarkeit oder Funktionsfähigkeit zu verlieren. Die Kombination aus bürgerschaftlichem Impuls, denkmalgerechter Weiterführung und klimaangepasster Gestaltung eröffnet der Stadt Görlitz die Möglichkeit, diesen Ansatz als positiven Entwicklungsimpuls zu nutzen und als zeitgemäßes Beispiel für eine lebendige Altstadt zu kommunizieren.
Projektstand:
