>> [Klickpfad - Breadcrumb - Aktuelle Position]
>> [Seiteninhalt]
Mehr Mut zur Gründerzeit in der Gründerzeit
Gastbeitrag von Lutz Thielemann aus der Sächsischen Zeitung vom 21.1.2012:
Seit Monaten sind wir im intensiven Kontakt mit der Florana KG, die in der oberen Berliner Straße ein Einkaufszentrum errichten will. Es geht um eine außergewöhnliche Einzelinvestition von über 30 Millionen Euro und mehr als 150 neue Arbeitsplätze. Es geht auch um den entscheidenden Impuls zur Wiederbelebung eines verfallenden Innenstadtquartiers sowie um die Steigerung von Lebensqualität und Attraktivität für
Görlitzer, Umland-Besucher und Touristen. Und es geht um die Stabilisierung der Wettbewerbsfähigkeit des Regionalzentrums Görlitz sowie um die Eindämmung des jährlichen Kaufkraftabflusses in Höhe von 80 Millionen Euro, unter anderem nach Bautzen und Dresden.
Insbesondere weil die Investorengruppe den notwendigen Rückbau bestimmter Bestandsstrukturen zur Bedingung ihres Vorhabens machte, beherrscht das Projekt seit Wochen die öffentliche Diskussion. Das ist gut, denn der Umgang mit historischen Immobilien ist gerade in Görlitz ein sensibles Thema. Nicht zuletzt bezieht Görlitz Identität, Selbstbewusstsein und nationale Wahrnehmung aus dem glücklichen Umstand der Unversehrtheit während des letzten Weltkrieges sowie der Sanierungsleistung nach 1989. Ohne Frage kommt neben dem Investitionsrisiko privater Immobilieneigentümer auch den Denkmalpflegern hierbei eine hohe
Bedeutung zu.
Die eingesetzte Wucht der öffentlichen Debatte hat den Investor, der mit 40 Jahren Projekterfahrung einiges gewöhnt ist, stark beeindruckt. Daher bietet die Florana KG im Gegensatz zu ersten Planentwürfen nun die Wiederherstellung der nahezu gesamten Fassadenstruktur auf der oberen Berliner Straße nach historischem Vorbild an.Auch ist sie offen für einen Gestaltungswettbewerb. Indes wird es nicht möglich sein, sämtliche Strukturen im Inneren der in ihrer Substanz stark angegriffenen, teilweise notgesicherten Häuser zu erhalten. Zudem wird im Sinn einer zeitgemäßen und für die Nachbarschaft emissionsarmen logistischen Erschließung des Shopping Centersein Rückbau von Gebäuden auf der Salomonstraße notwendig sein. Denn mit den veränderten Einkaufsgewohnheiten der Kunden änderten sich in den letzten 100 Jahren auch die Anforderungen an moderne Handelshäuser. Dies betrifft die Zuschnitte von Mindestflächen, Deckenhöhen, Wegführungen und handelsspezifischen Funktionalitäten, die sich nicht mit den kleinteiligen Wohnraumstrukturen der Bestandsgebäude verbinden lassen.
Wenn aber eine strukturschwache Stadt keine modernen innerstädtischen Handelsstrukturen bietet, wird es schwer sein, nationale Marken-Filialisten und Qualitätsfachmärkte anzusiedeln, um Kaufkraft zu binden. Nicht ohne Grund verödeten vielerorts frühere Einkaufsstraßen, die durch kleine Geschäfte geprägt waren. Nicht umsonst gerieten jüngst die großen Warenhausketten nahezu ausnahmslos ins Schleudern, wenn man an Karstadt, Hertie, SinnLeffers, Woolworth oder Kaufhof denkt. So wir mit zukunftsorientiertem Handel in Görlitz wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir uns den Strukturanforderungen der modernen Handelslandschaft anpassen.
Wenn die von Filialisten definierten Anforderungen mit Blick auf Funktionalität, Fläche und Mietpreis nicht gewährleistet sind, wird es nicht gelingen, die für die Anziehungskraft eines Centers so wichtigen großflächigen „Ankermieter“ – unter anderem im Heimelektronik- oder Mode-Bereich zu gewinnen. Kurz und knapp: kein Ankermieter – keine Magnetwirkung – keine Kaufkraftzuflüsse.
Als Wirtschaftsförderer konnten wir in den letzten Jahren gute Erfolge in der Akquisition von Unternehmen begleiten, die zum Wachstum der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in Görlitz beigetragen haben. Deutlich wurde oft, wie wichtig für die Gewinnung von Fachkräften und Unternehmern neben harten Standortfaktoren auch weiche, lebensqualitative Faktoren, wie attraktive Shopping-Möglichkeiten, sind.
Auch wenn das aktuelle Handelsgutachten des Beratungsunternehmens CIMA zeigt, dass eine Stadt mit der Görlitzer Kaufkraft – die pro Kopf im Vergleich nicht viel geringer als in Dresden oder Leipzig ist – durchaus noch rund 25 000 Quadratmeter innerstädtische Verkaufsfläche anbieten könnte, darf es nicht um pures Flächenwachstum gehen.Notwendig ist eine klare Qualitäts- und Angebotssteigerung in einem architektonisch sehr anspruchsvollen Center. Wir brauchen attraktive, nationale Filialisten, die eine Sogwirkung nach Görlitz entfachen können und die das bisherige Bestandsportfolio an Einzelhändlern ergänzen. Nur mit diesem Anspruch an Klasse und Qualität wird Görlitz in der Lage sein, die hohen Kaufkraftverluste zu verringern.
Bei aller Kontroverse muss die weitere Debatte von Sachlichkeit und Konstruktivität geprägt sein. Dies schließt in strittigen Fragen natürlich ein lebhaftes und kompromissorientiertes Ringen um die beste realisierungsfähige Lösung ein. Herabwürdigungen und Anfeindungen von Investoren wären indes ein Zeichen mangelnder Bürgerkultur.
Diejenigen, die das Projekt ablehnen, sollten realistische und bezahlbare Alternativen zur Wiederbelebung dieses Quartiers benennen. Vorschläge mit kleinteiligen Handelsstrukturen lassen sich indes weder durch diesen noch durch andere Investoren in Görlitz verwirklichen, wo die Quadratmeter-Rentabilität im Einzelhandel um ein Vielfaches geringer als in Hamburg, Prag oder Mailand ist. Es braucht also einen qualitativ starken, mehrheitlich tragfähigen gestalterischen Kompromiss, der auch unter den vorliegenden Bedingungen hier in Görlitz wirtschaftlich umsetzbar ist. Dieser muss gemeinsam mit der Florana KG, die das Investitionsrisiko trägt, erarbeitet werden. Ein solcher Prozess ist vielleicht keine dankbare, aber doch eine große und nicht alltägliche Herausforderung, die vor unseren Stadtplanern liegt.
Gefahr für die Wiederbelebung des Warenhauses?
Oft wird im Zusammenhang des Shopping-Center-Projektes die Sorge geäußert, dass damit eine Wiederbelebung des Jugendstilwarenhauses keine Chance mehr habe. Ich glaube vielmehr an eine Erhöhung der Chance für den Verkauf und die Wiederbelebung des Warenhauses, denn von der zusätzlichen Magnetwirkung eines Centers in der oberen Berliner Straße und der damit verbundenen Bindung bzw. Lenkung zusätzlicher Kaufkraft in die Innenstadt würde auch die Lukrativität des Warenhauses für einen Investor und Betreiber steigen. So ergäbe sich das so genannte „Knochenprinzip“: Zwei attraktive großflächige Schwerpunkte an den Endpunkten von Handelszonen stärken den Innenstadthandel durch eine optimierte Lenkung der Fußgängerströme. Das Flanieren und Pendeln zwischen den beiden Zentren entlang des Boulevards gewänne an Attraktivität - für Käufer und Händler. Diese Einschätzung hat sich vielerorts bewährt. So fürchteten sich in den 90er Jahren die Einzelhändler der Leipziger City vor dem Einbau eines gigantischen ECE Shopping Centers in den historischen Hauptbahnhof. Im Ergebnis trat indes keine Kannibalisierung, sondern eine Steigerung der Anziehungskraft von Leipzig als Einzelhandelszentrum der Region ein, so dass sogar noch weitere Warenhäuser nachzogen. Aktuell ängstigt sich kaum einer mehr, wenn dieser Tage in Leipzig Sachsens größtes Shopping Center „Höfe am Brühl“ in Sichtweite der „Promenaden am Hauptbahnhof“ entsteht. Man hat gelernt, dass von diesem Magneten auch alle anderen künftig profitieren werden.
Im Sinne des Erfolgs beider Projekte sollten wir den Zusammenhang zwischen der Unesco- Bewerbung und des Center-Projektes nicht allzu intensiv strapazieren. Gleichwohl besteht er, denn der Umgang mit diesem Investitionsprojekt wird für viele Immobilieneigentümer, Gewerbetreibende, Händler und potentielle Investoren als Nagelprobe für den künftigen Umgang mit weiteren Investitionsprojekten im Angesicht einer Welterbebewerbung gewertet werden.
Die Ablehnung von Investitionen in die Gestaltung der Zukunft und Modernität einer Stadt im 21. Jahrhundert mit der alleinigen Begründung der Gefährdung des Welterbe-Titels würde einen Riss durch die Gesellschaft von Görlitz provozieren. Soweit darf es nicht kommen.Gerade der Görlitzer Ehrenbürger Professor Gottfried Kiesow war es, der stets zu betonen verstand, dass Denkmalschutz im Interesse lebendiger Stadtstrukturen Kompromissbereitschaft zeigen müsse. Nur durch eine lebendige und lebenswerte Atmosphäre kann das Flächendenkmal seiner Aufgabe gerecht werden, nachfolgenden Generationen - mit ihren durch den jeweiligen Zeitgeist geprägten Ansprüchen - Kultur vergangener Zeiten nahe zu bringen. Modernes Leben im historischen Ambiente war für Kiesow und darf auch für uns kein Widerspruch sein.
Wo läge denn im Angesicht von knapp 10 000 überzähligen Wohnungender größere Schaden für Görlitz: Im weiteren Substanzverfall ganzer Häuserzeilen und der Entleerung eines innerstädtischen Quartiers? Oder im punktuellen Rückbau, um hinter historischen Fassaden ein modernes Einkaufs-Center zu integrieren, welches Leben zurück ins Viertel bringt? Wie sollten wir unsere Verantwortung für dieses Problemviertel eher wahrnehmen: In der ohnmächtigen Duldung des Gebäudeverfalls einer schrumpfenden Stadt oder in der Unterstützung von Investitionen zur anspruchsvollen Modernisierung des Viertels?
Soviel Mut wie unsere Vorväter, die in der Gründerzeit für den Bau des Jugendstilkaufhauses oder der Straßburg-Passage großflächig Gebäudesubstanz schliffen oder ein ganzes Quartier durchbrachen, benötigen wir heute gar nicht. Denn nach den Wendungen in der Projektplanung geht es nicht mehr um einen Flächenabriss. Wir sollten daher keine „Entweder-Oder-Debatte“ führen, denn beide Vorhaben sind wichtig: die UNESCO-Bewerbung und die Zukunftsfähigkeit der Stadt, auch mit modernem Einzelhandel.
Als Wirtschaftsförderer plädieren wir klar für eine Realisierung des Einkaufs-Centers. Hiermit könnte der Verfall der oberen Berliner Straße gestoppt und den Immobilieneigentümern im Umfeld Mut gemacht werden, ihre Objekte im Windschatten eines solchen Projektes für den Zuzug von Händlern und Neubürgern und für die Steigerung der Standortattraktivität, ja für die Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit von Görlitz zu sanieren. Die Florana KG ist dabei gut beraten, mit der historischen Bausubstanz so sensibel wie möglich umzugehen. In Anbetracht der Chancen, welche durch das Projekt für Görlitz entstehen, werben wir für das Vorhaben. Es kann Teil einer mutigen und zugleich besonnenen Fortentwicklung unsere Stadt sein, ähnlich wie in der Gründerzeit, als die Görlitzer Vorväter vor ähnlichen Entscheidungen standen.

- Entwurf der Fassadenansicht für das geplante Einkaufszentrum