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Görlitz im 19. Jahrhundert

Muschelminna

Im 19. Jahrhundert erlebte die Stadt ihre zweite große Blüte. Ein politisches Ereignis von europäischem Rang stand am Beginn jener Epoche. Mit der Unterzeichnung der Wiener Kongressakte im Jahre 1815 endete für Görlitz die 180-jährige Zugehörigkeit zur sächsischen Krone. Preußens König Friedrich Wilhelm III. übernahm mit dem nordöstlichen Teil der Oberlausitz verträumte Provinzstädte wie Görlitz, Rothenburg, Lauban, Niesky und Hoyerswerda. Ihr Kennzeichen waren kraftlose Verwaltungen und zerrüttete Finanzhaushalte. Fortan gehörte die preußische Oberlausitz zur Provinz Schlesien und unterstand dem Regierungsbezirk Liegnitz.

 
Görlitz war 1815 eine Stadt mit gut 8.700 Einwohnern. Als Durchgangs- und Einquartierungsort der kriegführenden Parteien hatte es in der napoleonischen Zeit Schäden hinnehmen müssen. Nur langsam erholte sich die Stadt und lebte schließlich zu Beginn der dreißiger Jahre merklich auf. Gefördert wurde dies unter anderem durch die Einführung der preußischen Städteordnung 1833 und die Bildung des Deutschen Zollvereins 1834. Erste Tuchfabriken und Wollspinnereien, die der Wasserkraft wegen sich meist an der Neiße niederließen, deuteten bereits ab 1816 auf die Veränderung des wirtschaftlichen Profils der Stadt hin. Nachdem die industrielle Revolution sich voll entfaltet hatte, schlug sich dies auch auf die Bevölkerungszahl nieder: Im Jahre 1847 wurde Görlitz mit nunmehr über 18.000 Einwohnern in die Reihe der großen preußischen Städte aufgenommen.

Die Zeit brauchte Männer mit Weitsicht, Klugheit und Unternehmerwillen. Gottlob Ludwig Demiani, seit 1833 Bürgermeister von Görlitz, war einer der fähigsten Kommunalpolitiker seiner Zeit. Mit Organisationstalent und großer Umsicht ordnete er die städtischen Finanzen und bereitete den Boden für einen gesunden wirtschaftlichen Aufschwung. Viel Aufmerksamkeit schenkte Demiani dem großen Forstbesitz. Die nordöstlich der Stadt liegende Görlitzer Heide umfasste fast 30 000 Hektar. Görlitz war so die an Grundbesitz reichste deutsche Kommune des 19. Jahrhunderts. Die kommunalen Einnahmen aus der Forstwirtschaft und der Abbau der Bodenschätze ermöglichten dem Magistrat bald eine großzügige Steuerpolitik, die Görlitz als Alterssitz attraktiv machte. Eine zentrale Aufgabe für Demiani war der Eisenbahnanschluss von Görlitz, der 1847 mit dem ersten großen deutschen Eisenbahnviadukt und dem Bahnhof 800 Meter vor den Toren der Stadt seinen Betrieb aufnahm. An der Seite von Gottlob Ludwig Demiani wirkten in jenen Jahren eine Reihe bedeutender Männer. Zu nennen sind der Schulmann Ferdinand Wilhelm Kaumann und der Baurat Friedrich Wilhelm Weinhold. Eine wichtige Rolle für die bauliche Entwicklung der Stadt spielte aber auch Carl Eduard Maximilian Richtsteig, der mit Umsicht und nicht ohne eine Portion Witz unnötig hohe finanzielle Belastungen von der Kommune abwendete. Seine "Verordnung zur Herstellung von Straßen und Plätzen" wurde als die beste ihrer Art in Deutschland bezeichnet. Die Bebauungsplanungen von 1848 und 1866/71 orientierten sich nicht nur an großen Vorbildern wie Berlin, Paris oder Wien, sie eilten in ihrer Dimension auch weit der Zeit voraus.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich Görlitz im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach dem Urteil von Zeitgenossen zur anmutigsten und charaktervollsten Provinzstadt Deutschlands. Stolze Geschäfts- und Verwaltungsbauten einerseits und prächtige Wohnbauten andererseits beherrschen das Stadtbild jener Jahre. Vieles von dem, was in dieser Zeit entstand, orientierte sich an den Bedürfnissen der Pensionäre und Rentiers. Theater, Museen, die Schlesischen Musikfestspiele und ein vielfältiges Vereinsleben boten anspruchsvolle Zerstreuung. Die prächtig ausgestatteten Häuserfronten, die Kaufhäuser, Banken und Gaststätten aus der Zeit um die Jahrhundertwende prägen bis heute in seltener Harmonie und Schönheit das Zentrum von Görlitz. Dabei haben nicht nur die Fassaden Aufmerksamkeit verdient. Oft finden sich gleich hinter der Eingangstür reich ausgemalte Treppenflure, prunkvolle Geländer, Paneele, stoffbespannte Wände oder effektvolle Oberlichtkuppeln, und in den Wohnungen haben sich Stukkaturen, alte Türbeschläge und Öfen aus Meißner Porzellan mit kostbarem Dekor erhalten. So verbergen in Görlitz die schönen Fassaden des 19. Jahrhunderts auch eine bemerkenswerte bürgerliche Innenraumkultur.

Text: Dr. Andreas Bednarek