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Nikolaivorstadt

Eingebettet zwischen den stolzen Häusern auf dem Peterskirchenberg und den ausgestreckten Friedhofsanlagen liegt unweit der Neiße das Nikolaiviertel. Dieser Stadtteil umfasst im Kern nur wenige Straßen, die wohl auf den Ursprung der Stadt Görlitz, das slawische Dorf Goreliz verweisen. Unter allen Görlitzer Stadtvierteln wurde die Nikolaivorstadt von den Entwicklungen der verschiedenen Jahrhunderte am wenigsten berührt: Die mittelalterliche Stadt wuchs nach 1220 vom Peterskirchenberg aus in südwestlicher Richtung, und auch das 19. Jahrhundert bevorzugte das topographisch günstigere Gelände zwischen der Altstadt und dem Bahnhof. Zwar verlief in frühstädtischer Zeit die alte Handelsstraße offenbar mitten durch die Nikolaivorstadt, um an ihrem östlichen Ausgang eine Furt durch die Neiße zu finden. Später jedoch führte keine der wichtigen Handelsstraßen mehr hier hindurch, auch dies eine Erklärung, warum die Nikolaivorstadt immer etwas abseits von dem pulsierenden Leben der Stadt stand.

Das merkwürdige Straßenbild des Nikolaiviertels hat zu allerlei Vermutungen über seine historische Entstehung angeregt. Große und Kleine Wallstraße bilden im östlichen Teil des Viertels eine ringförmige Anlage. Der Straßendurchbruch - die heutige Rothenburger Straße - ist erst eine Leistung aus dem Jahre 1857. Der westliche Teil des Nikolaiviertels wird durch die Lunitz und den Steinweg gebildet, der mit leichten Krümmungen in malerischer Weise seinen Lauf nimmt. Die Ursprünge dieser unterschiedlichen Straßenbilder sind in der geschichtlichen Entwicklung zu suchen. Während der Rundling wohl auf die slawische Siedlung Goreliz zurückgeht, dürfte der Steinweg, einem Straßendorf gleich, eine deutsche Kaufmannssiedlung gewesen sein. Hier entstand mit der Nikolaikirche die älteste Kirche von Görlitz. Nicht umsonst war sie dem heiligen Nikolaus geweiht, dem Patron der Schiffer und Kaufleute. Die Geschichte der Nikolaikirche ist wechselvoll, stand sie doch seit dem 15. Jahrhundert stets im Schatten von St. Peter und Paul, der mächtigen Stadtkirche hoch über der Neiße. Immer wieder geriet sie durch fehlgeschlagene, unvollendete Baumaßnahmen oder aus Geldmangel ins Hintertreffen. Heute dient die Kirche als Ausstellungshalle. Von besonderem Interesse ist der stimmungsvolle Nikolaifriedhof, der die Kirche im Westen und Norden umgibt. Jacob Böhme, der berühmte Schuhmacher und Philosoph des 16. Jahrhunderts, liegt hier zur letzten Ruhe gebettet.

Im mittelalterlichen Stadtmauerring von Görlitz bildete der Nikolaiturm den Ausgang zur gleichnamigen Vorstadt. Auch die Vorstädte selbst waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts durch leichtere Befestigungsanlagen in Form von Zäunen und Lehmmauern umzogen. Diese stellten nicht nur die Grenze zwischen der Stadt und dem ländlichen Gebiet dar, sondern waren gleichzeitig auch die Steuergrenze, an der die Mahl- und Schlachtzölle bis in die 1870er Jahre hinein zu entrichten waren. Von solchen Vorstadt-Toranlagen hat sich nur noch ein Beispiel erhalten - das Finstertor am nördlichen Ausgang der Nikolaivorstadt. Im Mittelalter besaß das Nikolaiviertel durch den Friedhof, das Wohnhaus des Scharfrichters und den Kuttelhof (Schlachthof) seine besondere Bedeutung für die Stadt.

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden im Nikolaiviertel, mehr als in anderen Teilen der Stadt, die Spuren der beginnenden Industrialisierung sichtbar. Am Lunitzbach und vornehmlich an der Neiße entstanden bald nach dem Ende der Befreiungskriege kleinere Unternehmen der Textilbranche. Die ungenügende Wasserkraft der Lunitz zwang die Unternehmer, 1836 die erste Dampfmaschine in Görlitz in Betrieb zu nehmen. Entlang des Neißeufers wuchs mit dreizehn weiteren Textilunternehmen das eigentliche industrielle Zentrum der Stadt. Erst nach der Jahrhundertmitte verlagerte sich der Schwerpunkt durch die aufstrebende Maschinenbauindustrie. Die Arbeiterschaft siedelte sich in unmittelbarer Nähe der Industrie an, zumal das Nikolaiviertel ohnehin als ein Zentrum der hausindustriellen Tuchproduktion galt. Heute noch zeigen die schmalen Häuser entlang der gewundenen Straßen und Gassen des Nikolaiviertels in der Art, wie sie sich zu einem städtebaulichen Raum zusammenfügen, viel Ursprüngliches. So besitzt dieser Stadtteil seinen ganz eigenen Reiz.