>> [Klickpfad - Breadcrumb - Aktuelle Position]
>> [Seiteninhalt]
30.10.1998 - Dr. Jiri Grusa
tschechischer Botschafter und Schriftsteller
Rede des Oberbürgermeisters anlässlich des Brückepreises

Zum dritten Mal verleiht die Stadt Görlitz heute den internationalen Brücke-Preis. Wir sind hier - an diesem besonderen Ort, der ehemaligen Synagoge von Görlitz zusammengekommen, um dem Preisträger in einer festlichen Stunde diesen Preis zu überreichen. Warum überhaupt vergeben wir einen Preis? Ist es Eitelkeit, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Hat dieser Preis eine Bedeutung, und wenn ja, welche? Haben wir nicht genug eigene Probleme, die uns hinreichend beschäftigen? Diese Fragen und viele weitere stehen im Raum und am Anfang dieser Feierstunde.
Nein, meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist nicht Eitelkeit und nicht der Wunsch, Schlagzeilen zu machen. Wir leben am Anfang des Jahres 9 wiedervereinigten Deutschland. Hinter uns und vor uns liegen tiefgreifende und umfangreiche Veränderungen in Europa, einem Europa, das zusammenwachsen will und zusammenwachsen wird. Immer wieder müssen wir feststellen und erleben, wie schnell das Vergessen um sich greift. Statt dessen verklärt sich für manchen unserer Mitbürger die Vergangenheit. Wo bleibt da die Erinnerung an das Unrecht, an den bewusst gezüchteten Hass gegenüber dem Andersdenkenden, an den Mut des Widerstandes, an die Erniedrigungen und Leiden der Mutigen, an die Einschränkung von Freiheit, an die Angriffe gegen die Menschenwürde, an die Hoffnungen auf das Ende der totalitären Systeme? Bekanntlich kam dieses Ende zu einem Zeitpunkt, wo viele ihre Hoffnungen schon aufgegeben und ihre Sehnsüchte vergessen hatten.
Die Systeme zerbrachen dann fast von alleine, Hoffnungen erfüllten sich, aber viele Wunschträume blieben als nicht erfüllbar in der "neuen Welt" auf der Strecke. Und das Vergessen begann in dem Maße, in dem sich Frustrationen und Nostalgie auszubreiten begannen.
Dieser Preis, den wir heute verleihen, steht gegen das Vergessen.
Ja, wir haben viele eigene Probleme und sind ausreichend beschäftigt mit der Bewältigung unserer Tages- und Alltagssorgen. Kann man da überhaupt noch auf den Nachbarn achten? Vielleicht ja, wenn man sich gelegentlich erinnert, dass bei ihm die Sorgen und Nöte noch viel größer sind. Wie gut, dass es uns trotz allem doch besser geht. Aber diese Brücke des Vergleichens trägt uns nicht in die Zukunft, ihre Fundamente sind zu schwach. Nicht der selbstzufriedene Blick zum Nachbarn genügt. Jener braucht unsere Hand, er will das Miteinander: Europa will und soll zusammenwachsen. Und unsere Stadt liegt an einem Grenzfluss inmitten dieses Europas, und nur wenige Kilometer südlich schon gibt es den nächsten Nachbarn. Und daraus erwächst unserer Stadt in diesem Europa eine ganz besondere Aufgabe, eine ganz besondere Verantwortung: Wir müssen und wollen Brücken zu unseren Nachbarn schlagen, Brücken, die in die Zukunft fuhren und die feste Fundamente haben. Brücken, die Grenzen überwinden und die sichere Fixpunkte im zusammenwachsenden Europa sind.
Dieser Preis, den wir heute verleihen, symbolisiert diese Brücken.
Und auf beiden Seiten dieser Grenze im Dreiländereck leben Menschen, die zurückdenken an vergangene Zeiten und die vorwärts schauen in eine Zukunft ohne Ängste, ohne Kriege, in eine Zukunft des Miteinanders im vereinten Europa.
Der Weg dahin wird nicht einfach sein, doch das deutsch-französische Beispiel zeigt, dass es gelingt, wenn alte Feindschaften begraben werden, wenn Menschen sich die Hand reichen und gemeinsam ihre Zukunft gestalten. An unseren Grenzen beginnt dieser Prozess einige Jahrzehnte später, denn da gab es zunächst Regime, die Frieden predigten und Hass säten, die Verbrüderung verkündeten und scharf bewachte Grenzen errichteten, die von Menschenrechten sprachen und Andersdenkende verfolgten.
Und es gab Menschen in unseren drei Ländern, die es wagten, ihre Stimme gegen das Unrecht zu erheben, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand leisteten, die trotz Verfolgung, Berufsverbot und Gefängnis aufrecht blieben. Wir alle erinnern uns des Prager Frühlings und unserer Hoffnungen, die wir daran knüpften. Wir erinnern uns der Solidarnosc-Bewegung, die nach 10 Jahren des kleinen Grenzverkehrs wieder zu einer Trennung und Abschüttung mit aller Konsequenz führte, wie sie für brüderlich verbw1dene sozialistische Staaten typisch waren. Und mit dem Ende der totalitären Systeme gab es Menschen, die sich nicht nur der zurückgewonnenen Freiheit erfreuten, sondern die in ganz besonderer Weise in die Zukunft schauten, indem sie am Abbau der Vorbehalte gegen den Nachbarn arbeiteten und Voraussetzungen schufen für das Ziel, von dem ich schon wiederholt gesprochen habe: das vereinigte Europa.
Dieser Preis, den wir verleihen, ehrt Menschen, die Brücken in die Zukunft schlagen, indem sie sich dem europäischen Nachbarn ohne Vorbehalte öffnen.
Und so, meine sehr geehrten Damen und Herren, ist es nur folgerichtig, dass wir nach der Deutschen, der Gräfin Dönhoff, und nach dem Polen Adam Michnik heute den Tschechen Jiri Grusa ehren, der in der kommunistischen CSSR sehr früh in Konflikt mit der staatlichen Obrigkeit kam. Er glaubte nie an die Reformierbarkeit des kommunistischen Systems, und so wurde er schon vor dem Prager Frühling mundtot gemacht.
Er erfuhr am eigenem Leibe den Umgang des "humansten Systems" mit
Regimegegnern (übrigens eine Art Tautologie: kann man das Adjektiv human überhaupt steigern? Ich erinnere mich lebhaft daran, dass die damals Herrschenden immer größten Wert auf den Superlativ legten!). Und Jiri Grusa ließ sich nie davon abbringen, für die Menschenrechte und für seine politischen Anschauungen einzutreten. Er gehörte zu den Mitunterzeichnern der "Charta 77", er wurde nach der Veröffentlichung seines ersten Romans 1978 verhaftet und 1981 ausgebürgert. Jedem, der hier gelebt hat, kommt dieser Ablaufbekannt und folgerichtig vor.
Und nach der politischen Wende wurde aus dem (ausgebürgerten) Dichter ein Staatsmann - ein tschechisches Phänomen, das ja bekanntlich nicht einmalig ist.
Und damit, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben sich die eingangs vor mir gestellten Fragen beantwortet. Es sind nicht Eitelkeit und falsch verstandenes Ansprucl1sdenken, die uns unseren Brückepreis verleihen lassen, sondern es ist unserer bescheidener Beitrag in einem zusammenwachsenden Europa, der uns veranlasst, Menschen in besonderer Weise zu ehren, die auf ihre Art Brücken schlagen,
- Brücken des gegenseitigen Verstehens,
- Brücken des Zusammenwachsens,
- Brücken von der Vergangenheit in die Zukunft.
Jiri Grusa ist ein Mensch, der diesen Ansprüchen gerecht wird. Bürger dieser Stadt haben ihn als Preisträger ausgewählt. Dafür sei diesen Bürgern sehr herzlich gedankt.
Biografie
Das sozialistische Regime der Tschechoslowakei wollte den Schriftsteller mundtot machen. Sie schafften es nicht. Heute vertritt Jiri Grusa das demokratische Tschechien als Botschafter in Deutschland.
1938
Jiri Grusa wird im böhmischen Pardubice geboren.
1957 - 1962
An der Karlsuniversität in Prag studiert Jiri Grusa Philosphie und Geschichte.
1969
Sieben Jahre arbeitet er als unbiegsamer Redakteur. Als der 26-Jährige in einem Artikel die stalinistische Poesie der 50er Jahre kritisiert, ziehen die Mächtigen die Notbremse. Das repressive System der Tschechoslowakai erteilt ihm Berufsverbot.
1970 - 1972
Als freier Mitarbeiter am Theater übernimmt Jiri Grusa verschiedene Tätigkeiten. Heimlich tippt und verbreitet er verbotene Texte.
Ab 1973
Offiziell arbeitet er in diversen Baufirmen. Inoffiziell publiziert er Gedichte und Erzählungen.
1977
Der Schrifsteller gehört zu den Initiatoren und Unterzeichnern der Charta 77.
1978
Grusa wird verhaftet. Sein erster Roman "Dotaznik", eine ironisch naive Anspielung auf einen amtlichen Fragebogen, wird im Westen veröffentlicht. In seiner Heimat muss Jiri Grusa dafür zwei Monate ins Gefängnis.
1981
Während einer Reise durch die USA wird der Schriftsteller ausgebürgert. Die Behörden verweigern ihm die Rückreise in die Tschechoslowakai.
Fortan lebt er in der BRD, beantragt zwei Jahre später die deutsche Staatsbürgerschaft.
1990
Nach der Wende 1989 kehrt Jiri Grusa ins demokratische Tschechien zurück. Sein Freund und Schriftstellerkollege Vaclav Havel, mittlerweile Präsident der neuen Föderation, bittet ihn, tschechischer Botschafter in Bonn zu werden. Grusa stimmt zu.
1998
Das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen und die Stadt Görlitz ehren das Engagement des 59-Jährigen und verleihen ihm den Brückepreis. Er habe den Menschen im gesamten Ostblock Mut gemacht, Menschenrechte einzufordern und sich gegen totalitäre Regime einzusetzen.