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20.10.2000 - Arno Lustiger
jüdischer Schriftsteller und Publizist
Laudatio

- Arno Lustiger
In mehrfacher Hinsicht hat Arno Lustiger Fundamente gelegt, Pfeiler gesetzt und tragfähige Brücken für die Völkerverständigung geschlagen, um die durch den Zweiten Weltkrieg gewaltsam auseinandergerissenen Verbindungen der Menschen und Völker in Europa wieder neu zu knüpfen.
Als in Polen geborener und heute in Deutschland lebender Jude hat Arno Lustiger hierfür einerseits die besten Voraussetzungen.
Andererseits ist seine Bereitschaft zum Brückenschlag durch seine besonderen Erfahrungen als Überlebender von Auschwitz
alles andere als selbstverständlich. Näher hätte es vielleicht gelegen - so möchte man meinen - auf den Brückenbau angesichts der trostlosen Ausgangslage nach 1945 zu verzichten.
So ist beispielsweise die Gründung einer jüdischen Gemeinde in Frankfurt a. M. - und damit im Lande der Erfindung des Holocaust - das grundlegende Fundament überhaupt für die, angesichts der Vergangenheit, fast unmöglich erscheinende Wiederannäherung der Deutschen und der Juden.
Als freier Schriftsteller und Publizist hat Arno Lustiger die Vergangenheit vielfach aufgearbeitet und dabei die gemeinsame Geschichte, die ein verbindendes Element ist, rekonstruiert.
Er hat den Widerstand der Juden gegen den Nationalsozialismus sowie den Genozid an ihnen nachgezeichnet.
Dabei ging es ihm auch darum zu zeigen, dass sich die Juden aktiv wehrten.
In einem weiteren Monographie über die Juden im spanischen Bürgerkrieg hat Lustiger darauf hingewiesen, dass diese an dem auf gesamteuropäischer Ebene geführten Kampf gegen die faschistischen, faschistoiden und nationalsozialistischen Bewegungen beteiligt waren.
In seiner jüngsten großen Publikation "Rotbuch: Stalin und die Juden" zeichnet Lustiger die Geschichte der jüdischen Verfolgung der Sowjetunion und im kommunistisch gewordenen Osteuropa nach.
In allen Werken Arno Lustiger und durch seine Biographie wird deutlich, wie sehr die jüdische Geschichte mit der europäischen verwoben ist und wie willkürlich die Ausgrenzungen und Verfolgungen des 20. Jahrhunderts waren.
Laudator:
Wolf Biermann
Liedermacher
Biografie
"Arno Lustiger hat es aufgeschrieben, hat es in die Welt geschrien: Wo, in welchem Ausmaß und mit welchen Folgen Juden, die Waffe in der Hand, gekämpft haben und nicht nur die anderthalb Millionen in den Armeen der Alliierten." (Ralph Giordano)
1924
Im polnischen Oberschlesien, in Bedzin, liegt Arno Lustigers Geburtsstadt.
Bis 1939
Als Schüler lernt er am jüdischen Gymnasium und ist Mitglied in jüdischen Kultur- und Jugendorganisationen.
9. November 1939
In Bedzin wird die Synagoge angezündet. 200 Juden verbrennen bei lebendigem Leibe. Der 15-Jährige Arno Lustiger kann entkommen.
1939 - 1945
Am Anfang des zweiten Weltkrieges ist Arno Lustiger im Bedziner Untergrund aktiv, später Zwangsarbeiter und Häftling in sieben Konzentrationslagern: Sornowitz, Annaberg, Otmuth, Auschwitz, Groß-Rosen, Buchenwald, und Langenstein.
Januar - März 1945
Während der Todesmärsche von Langenstein und von Auschwitz nach Groß-Rosen gelingt ihm die unglaubliche Flucht. Die US-Armee findet ihn und bringt ihn in Sicherheit.
Nach dem Krieg
Arno Lustiger bleibt in Deutschland. Seine Mutter und Schwester sind totkrank und bekommen keine Visa.
1948
Er gründet ein Textil-Unternehmen in Frankfurt, ohne Vorkenntnisse oder Ausbildung. Außerdem hilft er beim Aufbau der jüdischen Gemeinde in Frankfurt.
40 Jahre lang kann er über das Erlebte nicht sprechen. Dennoch beschäftigt er sich immer wieder mit der Verfolgung der Juden und ihrem Widerstand gegen die Nazis. Bis heute hat der Publizist und freie Schriftsteller zahlreiche Bücher geschrieben und publiziert. Seine Meinung als Historiker, der nie eine Universität besucht hat, ist nach wie vor gefragt
2000
"In mehrfacher Hinsicht hat Arno Lustiger Fundamente gelegt, Pfeiler gesetzt und tragfähige Brücken für die Völkerverständigung geschlagen, um die durch den Zweiten Weltkrieg gewaltsam auseinander gerissenen Verbindungen der Menschen und Völker in Europa wieder neu zu knüpfen." Das Zitat stammt aus der Begründung zur Vergabe des Internationalen Brückepreises, den die Stadt Görlitz und das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen Arno Lustiger verleiht.