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Von Görlitzer Zünften

Von Görlitzer Zünften

Handwerk hat goldenen Boden. Sich regen bringt Segen. In schlichter Spruchweisheit sind Lebenserfahrungen ganzer Generationsfolgen auf uns gekommen. Auch in Görlitz blühte das Handwerk im Mittelalter und brachte die Stadt durch Können und Fleiß zu Ansehen und Reichtum. Straßennamen in der Altstadt erinnern an die Wohngegenden der Berufsgruppen - Weberstraße, Handwerk, Büttnerstraße, Plattnerstraße, Fleischerstraße, Bäckerstraße, Apothekergasse. Bald nachdem aus den Burgsassen, den Bewohnern der Ansiedlungen rund um den Burgberg und den Zugewanderten eine Stadtgemeinde geworden war, wuchs auch das Handwerk. Die Städter und die Bauern brauchten vieles, die Kaufleute nahmen manches in die entfernteren Gegenden mit.
Die Handwerkervereinigungen, die Zünfte, nannte man hier die Zechen oder Innungen. Die einen hatten die Bankgerechtigkeit und konnten eine genau begrenzte Anzahl Verkaufsstände, Bänke, an festgesetzten Plätzen unterhalten. Die ältesten Bänke besaßen die Fleischer und Bäcker, dann bekamen auch die Schuhmacher, die Würz- und Seidenkrämer und die Bader (Barbiere) diese Vergünstigung. Von Anfang an galten in der weit größeren Gruppe der nicht bankberechtigten Innungen die Tuchmacher als einflussreichstes und stärkstes Handwerk. Görlitzer Tuche handelte man nicht nur in der einheimischen Tuchhalle. Wegen ihrer besonderen Güte waren sie auch in Polen, Ungarn und der Türkei gefragt. In der Rangordnung folgten den Tuchmachern die Innungen der Gerber, der Schneider, der Huf-, Waffen- und Sensenschmiede. Für den Bedarf der Stadt arbeiteten auch die Innungen der Maurer, Zimmerleute, Tischler, Wagner und Stellmacher, Leineweber, Kürschner, Färber Fischer, Glaser, Töpfer, Böttcher, Seifensieder (Lichtzieher), Gießer, Goldschmiede, Beutler, Gürtler, Hutmacher, Riemer und Sattler, Seiler, Nadler, Schlosser und Dachdecker.
Die vom Rate bestätigten und kontrollierten Zunftordnungen regelten bis ins einzelne das Zusammenleben der Zunftgenossen. Es gab Bestimmungen über Aufnahme und Anzahl der Lehrlinge, über die Prüfungen der Gesellen und Meister. Spätestens ein Jahr nach der Meisterprüfung musste der Zunfthandwerker geheiratet haben. Meisterwitwen bekamen eine Unterstützung. Aus der Zunftklasse gab es auch Zuschüsse zu den Begräbnisaufwendungen. Alle Abgaben waren genau festgelegt.
Kamen wandernde Handwerksgesellen nach Görlitz, mussten sie in der Herberge Wohnung nehmen und auf die Anstellung durch einen Meister warten. Jeder hatte einen Betrag in die Gesellenlade zu zahlen und auch an den gemeinsamen Zechabenden und Badetagen teilzunehmen. Wer an einem Arbeitstag bummelte, also "blauen Montag" machte, bekam für mehrere Wochen in Görlitz keine Arbeit. Streng wachten die Zünfte auch über die Güte der Erzeugnisse in allen Werkstätten.
Jedes Handwerk stellte je nach seiner Bedeutung Bewaffnete, die aus der Innungskasse zu besolden waren. Die Aufnahme in die Zunft bedeutete zugleich Wehrpflicht im Dienste der Stadt. In Görlitz rückten zuerst die Tuchmacher aus, dann die Fleischer, Gerber, Schmiede, Bäcker, Schneider und Tischler. Anfangs verwahrten die Handwerkervereinigungen , auch ihre Harnische, Waffen und sogar kleine Geschütze. Später nahm sie der Rat vorsorglich an sich und gab sie nur im Verteidigungsfalle unter strenger Kontrolle aus. Meldeten sich nicht genug Freiwillige, so legte der Zunftälteste fest, wer Kriegsdienst zu leisten hatte. Ging es um eine politisch missliebige Sache verdrückten sich manche Gesellen lieber aus der Stadt. Im Zunfthause waren Zunftschrein und Zunftlade aufgestellt. Beide waren zu den Zusammenkünften geöffnet. Die Lade barg Dokumente, Fahnen, Vermögen und Gerätschaften der Innung, sie verkörperte eine oft jahrhundertealte ehrwürdige Tradition. Solche Schreine, Laden, Pokale und Schilde von hoher Kunstfertigkeit kann man heute im Kaisertrutz betrachten.
Die Handwerker hatten auch in Görlitz ihren Stolz und ihr Selbstbewusstsein, und das mit Recht. Mit ihrer Hände Arbeit brachten sie die Stadt voran. Mit ihren Abgaben bekam der Rat die Mittel, zum Besten der Stadt damit zu wirtschaften. Mit ihren Waffen und ihrem Leben schützten sie die Stadt vor Eroberung, Plünderung und Zerstörung. Darum verlangten sie, in angemessener Anzahl im Rate vertreten zu sein und genauen Aufschluss über die Verwendung der städtischen Gelder zu bekommen. Aber die mächtigen Geschlechter wollten sich ganz und gar nicht ihre Alleinherrschaft schmälern lassen. Die Zunftältesten mussten sich durch Eid verpflichten, dem Rat treu und gehorsam zu sein und die Beschlüsse des Rates in den Innungen durchzusetzen. Nur unter Aufsicht waren Zunftversammlungen erlaubt. Dort durfrten nur Angelegenheiten der Zunft zur Sprache kommen. Verboten waren gemeinsame Versammlungen mehrer Zünfte mit Beschlüssen über ein gemeinsames Vorgehen. Streng verboten waren Versammlungen, die sich mit der Herrschaft des Rates und den politischen Zuständen in der Stadt befassten. Aber es konnte auf die Dauer nicht gut ausgehen, wenn eine anmaßende Minderheit sich alle Vorteile gegenseitig zuschanzte und dieses Unrecht mit rücksichtsloser Gewalt gegen die Arbeitenden abschirmte.
Vom 14. bis 16. Jahrhundert dauerten in Görlitz die Kämpfe der Handwerker gegen die Alleinherrschaft des Rates. 1347 warnte ein königliches Schreiben die Stadtbevölkerung mit dem Gebot "bei Strafe und Beraubung Leibes und Gutes", dass sie "den geschworenen Ratmann untertänigen und verpflichteten Gehorsam und Ehrerbietung ohne alles Wiederstreben erzeigen" sollte. 1372 verlangte Kaiser Karl von den Ratsherren, "dass alle Tuchmacher und Handwerker der Stadt Görlitz alle ihre Harnische auf das Rathaus in eure Gewalt zur Stunde überantworten und sie solche fürbass nicht für sich behalten, denn Wir meinen es für jetzt das Beste, dass kein Krieg oder Entzweiung fürder in der Stadt zu Görlitz entstehe. Sollte aber jemand gegen dies unser Gebot ungehorsam sein oder sich sonst wider euch und den Rat freventlich setzen, so wollen Wir ihn darum an Leib und Gut strafen". Einige Handwerker wurden in die Acht getan, andere zogen von sich aus fort. Alle paar Jahre folgten neue Ächtungen, immer wegen "Aufsässigkeit, "Aufruhr", "Versammlungen", "Ungehorsam", Am Ende litten darunter die Einnahmen des Rates.
1405 bat der Rat den Landvogt um rasche Hilfe, "weil es zwischen dem Rate und der Gemeinde wunderlich stehe". Dem Vernehmen nach hatten die Tuchmacher begonnen, die Stadtbefestigung zu demolieren. Eine Handwerkerabordnung, die dem König in Prag die Beschwerden über die politischen Zustände in Görlitz vortragen sollte, ließ der Rat in Zittau abfassen und sofort in Görlitz mit dem Schwerte richten. Aber damit wir die Sache noch lange nicht am Ende.

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