Persönlichkeiten

Professor Ernst Polaczek

Professor Ernst Polaczek

Professor Ernst Polaczek - Museumsdirektor auf "Durchreise" von 1928 bis 1933 im schlesischen Görlitz
Eine Frage nach ihm wird heute wohl kaum jemand zufriedenstellend beantworten können, weder in seinem Geburtsort noch an den Stätten seines erfolgreichen Berufslebens. Studium, Militär- und Assistenzzeit, Universitätsprofessor und Museumsdirektor, aber auch Arbeitslosigkeit und vorzeitiger Ruhestand waren seine Lebensstationen. Gerahmt waren diese von der Kindheit und Jugend am Fuße des böhmischen Isergebirges und seinem Schaffen an der Universität sowie an zwei Kunstmuseen in Straßburg im Elsaß, das zu seiner zweiten Heimat wurde, aber auch von der Tragik der europäischen Geschichte.

Ernst Polaczek erlangte sein Wissen und Können bei bedeutenden Wissenschaftlern seiner Zeit, wie z. B. den Professoren Riegl, Wickhoff und Wölfflin. Scheinbar war es vor allem aber Professor Georg Dehio (1850-1932), Herausgeber des Handbuches der deutschen Kunstdenkmäler, dem er viel zu verdanken hatte. Beide verband das Interesse an der Kunst des Mittelalters. Als Museumsdirektor auf "Durchreise" war er von 1928 bis 1933 in Görlitz tätig bis ihn die Nationalsozialisten in den vorzeitigen Ruhestand schickten, weil er Jude war. Sein Nachfolger, Direktor Dr. Otto-Friedrich Gandert (1898-1983), urteilte über ihn: "Das Museum für Stadtgeschichte im Kaisertrutz wurde von Professor Dr. Polaczek, dem Direktor der Görlitzer Kunst- und Altertumssammlungen, eingerichtet. Es war ihm damit vergönnt, bevor er in den Ruhestand trat, sich ein Denkmal besonders wertvoller und eindrucksvoller Art zu setzen." (Archiv für Sippenforschung ...; Görlitz 1933, S. 272).

Geboren wurde Ernst Polaczek am 6. Juli 1870 in einer jüdischen Fabrikantenfamilie im böhmischen Reichenberg, dem heutigen Liberec. Nach Besuch von Volksschule und
Gymnasium erfolgte eine Weiterbildung an einer Handelsakademie in Wien. Am Altstädtischen Gymnasium Prag legte er 1889 seine Matura ab. Darauf folgte bis 1892 das Studium an den Universitäten Prag, München und Wien. Ab 1893 war er in der Universität Straßburg im Elsaß eingeschrieben, wo er bei Professor Georg Dehio studierte und 1894 promovierte. Danach genügte er seiner Militärpflicht bis 1895 als Einjährig-Freiwilliger in Wien. Beschäftigung fand der junge Kunsthistoriker in der Denkmalinventarisation als Assistent bei dem Provinzialkonservator der preußischen Rheinprovinz Paul Clemen (1866-1947). In Straßburg habilitierte er sich 1899 und trat Anfang 1900 bei Professor Dehio eine Assistentenstelle für Kunstgeschichte an, die 1901 eine Privatdozentur inne hatte. Seit 1905 mit dem Prädikat Professor versehen, wurde er 1913 Honorarprofessor an der Universität Straßburg. Unausweichlich verlief sein Weg zum Straßburger Museumswesen. 1907 wurden ihm die Direktionen des städtischen Kunstgewerbemuseums und 1913 des Museums der Schönen Künste anvertraut. Das Ende des Ersten Weltkrieges mit seinen politischen Folgen brachte ihm seine Ausweisung aus dem nun französischen Elsaß. Nach München verzogen, betätigte er sich publizistisch und gestaltete Ausstellungen. Sein besonderes Engagement galt dem 1920 gegründeten "Wissenschaftlichen Institut der Elsaß-Lothringer im Reich". In dessen Jahresschrift und auch in anderen Periodika erschienen von ihm zahlreiche Aufsätze. Vor allem waren es Rezensionen zur Kunstgeschichte des Elsaß, womit er seine Fachkompetenz noch bis 1935 unterstreichen konnte. Durch das staatliche Fürsorgeamt ist ihm 1928 die Stelle als Direktor der Oberlausitzer Gedenkhalle mit Kaiser-Friedrich-Museum in Görlitz vermittelt worden. Im April trat er die Nachfolge des ersten Direktors Professor Ludwig Feyerabend (1855-1927) an. Bei der Betreuung des Museums mit seinen umfangreichen Sammlungen, legte er besonderen Wert auf die Modernisierung, die Präsentation von Sonderausstellungen und auf Neuerwerbungen.
Das Museum im Kaisertrutz einzurichten erwuchs als seine herausforderndste Aufgabe. Am 14. Oktober 1932 konnte es, wie zuvor im April das Graphische Kabinett Neißstraße 30, eröffnet werden. Rege Teilnahme hatte Polaczek am geistigen Leben von Stadt und Region und zählte als Mitglied zu allen wissenschaftlichen und den meisten kulturellen Vereinen in Görlitz. Seine zahlreichen öffentlichen Führungen und Vorträge wirkten kulturbereichernd auf die Stadt. Die politischen Ereignisse von 1933 zwangen ihn in den vorzeitigen Ruhestand. Er zog nach Freiburg im Breisgau und starb am 26. Januar 1939, vielleicht infolge der Pogromnacht. Auf einem Friedhof in Strasbourg wurde er begraben. Für Friederike Polaczek, seine zweite Frau, folgte 1940 wie für alle badischen Juden die Deportation. Nach dem Aufenthalt in verschiedenen Konzentrationslagern Frankreichs kam sie schließlich 1942 in Auschwitz an, wo man sie mit den meisten ihres Transports nach Ankunft am 4. September sofort umbrachte.

Text: Heiner Mitschke

Schriftenauswahl

  • Der Übergangsstil im Elsaß. Ein Beitrag zur Baugeschichte des Mittelalters. Straßburg i. E. 1894
  • Die Kunstdenkmäler des Landkreises Köln. Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Band 4/I. Düsseldorf 1897 [Clemen, P. und E. Polaczek]
  • Die Kunstdenkmäler des Kreises Rheinbach. Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Band 4/II. Düsseldorf 1898 [Clemen, P. und E. Polaczek]
  • Die Kunstdenkmäler des Kreises Bergheim. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Band 4/III. Düsseldorf 1899 [Clemen, P. und E. Polaczek]
  • Denkmäler der Baukunst im Elsaß. Straßburg 1903, 1906 [Hausmann, S. u. E. Polaczek (Hrsg.)]
  • Volkskunst im Elsaß. Deutsche Volkskunst, Ergänzungsband 1. München o. J. (ca. 1925)
  • Georg Dehio. Ein Umriß seines Schaffens. Berlin 1925
  • Strassburg. Berühmte Kunststätten, Band 76. Leipzig 1926
  • Die elsässischen Kunst- und Altertumssammlungen. In: Das Reichsland Elsaß-Lothringen 1871-1918. Band 1-3, Frankfurt a. Main und Berlin 1931-1937
  • Mitarbeit in Spemann, Wilhelm: Kunstlexikon. Ein Handbuch für Künstler und Kunstfreunde. Berlin, Stuttgart 1905

 

Literatur über Ernst Polaczek

  • Neuer Görlitzer Anzeiger. Görlitz, 8. Mai 1928
  • Oberlausitzer Frühpost. Görlitz, 11. April 1933
  • Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender, 1. Jahrgang, Berlin-Leipzig 1925 (bis 5. Ausgabe 1935)
  • Chatelet-Lange, L.: Ernst Polaczek et Alsace. In: CAHIERS ALSACIENS ´HISTORE, Strasbourg 1990, Tome XXXIII, S. 237-240
  • Wlaschek, R. W.: Biographia Judaica Bohemiae. Dortmund 1995, S. 163
  • Mitschke, H.: Professor Ernst Polaczek und seine Zeit in Görlitz (1928 bis 1933). In: Tagung zur Geschichte der Juden in der östlichen Oberlausitz (Tagungsband). Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Dresden. 10. Oktober 1999, S. 1-13
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