Persönlichkeiten

Otto Müller

Otto Müller

An Otto Müller erinnern in Görlitz ein Straßenname sowie ein Teil des Stadtparks. Dieses Gelände hatte Müller erworben, um es vor Bodenspekulation und Bebauung zu retten und stiftete es als Park der Stadt.
Auch die Görlitzer Stadtbibliothek, früher Volksbücherei, ist eng mit dem Wirken Otto Müllers verbunden.
Otto Müller gehörte zu jener Unternehmergeneration, der es ein Herzensbedürfnis war, durch finanzielle Zuwendungen das kulturelle Leben in ihrer Heimat zu fördern. Sein Name ist in einer Reihe mit den Mäzenen Martin Ephraim, Erwin Lüders oder Richard Raupach zu nennen.
Über das Privatleben von Otto Müller sind uns nur wenige Daten bekannt. Er wird als freundlicher, fleißiger, bescheidener und sehr umgänglicher Mann beschrieben, der als Person hinter seinen wohltätigen Werken zurückstand.
Otto Müller stammte aus Chemnitz, wo er sich auch nach seiner Lehre, vermutlich als Handels-Weber, 1852 niederließ und eine Fabrikation für Schirmstoffe begann. Ab 1856 verlegte er seine Produktion in den Osten. Er ließ bei schlesischen Handwebern arbeiten. 1866 baute er eine Fabrik in Seidenberg mit 100 Handwebstühlen. Nach 1870 setzte er mechanische Webstühle ein. 1873 ließ er eine Färberei bauen. Im gleichen Jahr spezialisierte er sich auf die Herstellung von Seide und Halbseide. Seide mit Kammgarn wurde als Markenartikel Gloria-Seide sein Hauptprodukt, das Weltruf erlangen sollte und in Deutschland und im Ausland reißenden Absatz fand. Spätestens 1880 verlegte Otto Müller die kaufmännische Leitung seiner Fabriken in Seidenberg und Ebersdorf (seit 1878 standen in Ebersdorf in Böhmen 100 Webstühle) von Chemnitz nach Görlitz. Sein Kontor war zunächst Bismarckstraße, später Schützenstraße 7, wo sich auch sein Wohnhaus befand.
In seiner zweiten Heimat engagierte sich Müller zunehmend in Politik und Kultur. Ab 1889 war er viele Jahre als Stadtverordneter ehrenamtlich tätig.
Otto Müller wurde nach 1900 zum Stifter der Görlitzer Volksbücherei. Für deren Bau gab er nicht nur die Anregungen, sondern auch das nötige Geld für Gebäude und Einrichtung. Die Stadt hatte das Baugelände gegenüber der Lutherkirche (1901 geweiht) inmitten eines modernen Wohngebietes zur Verfügung gestellt.
1907 wurde die Görlitzer Volksbücherei eingeweiht. Damit gehörte sie zu einer der ersten großen neuen Volksbüchereien deutschlandweit, die dem Ziel der Volksbildung dienen sollten.
Im Festblatt, herausgegeben durch den Magistrat zu Görlitz, heißt es: "Möchte der in dem Gebäude zu bergende Bücherschatz recht fleißig benutzt und die Volksbücherei und Lesehalle eine Stätte allgemeiner und fachlicher Bildung der Bewohner von Görlitz werden, wie es der Wunsch ihres hochherzigen Stifters ist."
Allein der große Lesesaal der Bibliothek, der nach neuesten Erkenntnissen geschaffen worden war, bot 150 Lesern Arbeitsplätze an. Rund 3.300 Bände und 100 Zeitschriften standen als Handapparat zur Verfügung. Das Depot war für 100.000 Bände vorgesehen, darunter nicht nur schöne Literatur und Jugendbücher, sondern auch wissenschaftliche Themen wie die Erd- und Völkerkunde, Mathematik und Technik, Heimatkunde und Philosophie u. a.
Weitere wohltätige Stiftungen Müllers widmeten sich schon 1895 verwitweten Kaufmannsfrauen, deren Männer ein eigenes Geschäft unterhalten hatten. Auch für Ferienkolonien armer Görlitzer Kinder engagierte er sich. Eine weitere Stiftung war dem Gustav-Adolf-Verein, dem Verein der Musikfreunde und dem Kunstverein der Oberlausitz gewidmet. Es handelte sich jeweils um Geld, dessen Zinsen den genannten Zwecken zugeführt wurden. Auch am Bau der Oberlausitzer Gedenkhalle mit Kaiser-Friedrich-Museum hatte sich Müller mit 15.000 Mark beteiligt. Für sein Wirken erhielt Otto Müller nicht nur den Titel eines Geheimen Kommerzienrates verliehen, sondern 1905 auch den Roten Adlerorden IV. Klasse, und 1906 wurde er zum Ritter des Wilhelmsordens ernannt.

 

Lebenslauf

1829 Ferdinand Otto Müller wird am 3. Juni in Chemnitz geboren. Sein Vater Friedrich Ferdinand Otto Müller ist von Beruf Handels-Weber. Seine Mutter ist Christiana Carolina Korb, verwitwete Wallisch. Seine Lehrzeit verbringt Otto Müller in Halle an der Saale. Er erlernt vermutlich den gleichen Beruf wie sein Vater.

1852 Otto Müller lässt sich in seiner Heimatstadt nieder und gründet eine Fabrikation für Schirmseiden.

1862 Otto Müller heiratet am 19. Mai, die aus Altenburg stammende Elisabeth Wagner (1838 - 1913). Deren Vater, Gustav Richard Wagner, ist als promovierter Jurist Senatspräsident und Geheimer Kommerzienrat in Thüringen tätig.
Mit Elisabeth hat Otto Müller 5 Söhne und 3 Töchter.
In den 60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts baut Otto Müller seine Fabrikation weiter aus. Seit 1856 lässt er in Schlesien bei Handwebern arbeiten, ab 1866 in Seidenberg in der Oberlausitz. Nach 1870 beginnt er mechanische Webstühle einzusetzen. Ab 1873 produzieren seine Fabriken Stoffe unter dem Markennamen Gloria-Seide. Als wichtigstes Produkt seiner Firma erlangen sie Weltruf.

1880 Otto Müller verlegt das Hauptgeschäft nach Preußen mit der Betriebsleitung in Görlitz.

1883 Otto Müller wird preußischer Staatsbürger.

1889 Otto Müller wird mit 58 Jahren Stadtverordneter von Görlitz.

1893 Otto Müller wird der Titel Geheimer Kommerzienrat verliehen.

1902 Otto Müller stiftet anlässlich seines 50jährigen Geschäftsjubiläums 100.000 Mark für den Bau einer Volksbücherei.

1905 Otto Müller stiftet weitere 20.000 Mark für die Volks-bücherei. Otto Müller bekommt den Roten Adlerorden IV. Klasse verliehen.

1906 Otto Müller wird Ritter des Wilhelmsordens.

1907 Die Görlitzer Volksbücherei wird eingeweiht.

1908 Otto Müller stirbt am 26. April. Er wird auf dem Städti-schen Friedhof in Görlitz begraben. Die Stadtverordne-ten würdigen in einer Trauerfeier sein verdienstvolles Wirken in Görlitz.

1908 1. September. Nach Müllers Tod werden weitere 15.000 Mark zur Ergänzung des Buchbestandes der Volksbücherei zur Verfügung gestellt.


Schriftenauswahl

  • Vorwort: Görlitz, in: Monographien deutscher Städte, Hrg. von Erwin Stein, Bd. XIII, Görlitz, Berlin- Friedenau, 1925, S. 9-19
  • Bericht: Ausbruch der Revolution in Görlitz am 9. November 1918, (9. 11. 1928), in: Akte des RAG, Rep. III, S. 978, Nr. 1

 

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