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Die Sage vom Klötzelmönch

Die Sage vom Klötzelmönch

Um eine grässliche Mordtat in der mittelalterlichen Stadt geht es in einer der bekanntesten Sagen. So etwas könnte sich in ähnlicher Weise tatsächlich zugetragen haben.
Ein junger Handwerksbursche, der gerade auf der Wanderschaft unterwegs war, kam an einem Spätnachmittag zum Stadttore hinein. Die Tür zur Klosterkirche am Obermarkt stand offen, und weil es gerade zur Abendmesse läutete, trat der Wanderer mit ein. Vom weiten Weg müde, lehnte er den Kopf an ein Bank und schlummerte unversehens ein. Er fiel niemand auf, und nicht einmal der Pförtner bemerkte ihn mehr, als er die Tür abschloss. Gegen Mitternacht erst schreckte der Schläfer auf, als vom Fußboden her die Kälte an ihm hochkroch. Er fürchtete sich in dem weiträumigen, stillen Kirchenschiff. In seiner Einsamkeit hörte er laut den Widerhall seiner vorsichtigen Schritte. Nur ein fahler Mondstrahl und die ewige Lampe wiesen ihm den Weg zum Altarraum, wo er sich fröstelnd und ängstlich in das gotische Chorgestühl kauerte. Aber die unheimliche Stille nahm bald ein Ende, als sich schlurfende Schritte rasch näherten. Kaum hatte sich der Wanderbursche hinter einer Bank verborgen, hörte er Schlüssel klirren, und eine schmale Tür ihm gegenüber, sie führte zum Franziskanerkloster, öffnete sich quietschend. Heraus trat in gebückter Haltung ein Mönch. In der erhobenen linken Hand trug er eine Laterne. Im flackernden Licht trat ein grobes, abstoßendes Gesicht wie eine Geistermaske aus der Dunkelheit hervor. Entsetzt bemerkte nun der heimliche Beobachter, wie der Mönch mit der rechten Hand den leblosen Körper eines jungen Mädchens an blonden Haaren über den Steinfußboden schleifte. Die Holzklötzer seiner Pantoffeln klapperten erschreckend in der nächtlichen Stille. Vor dem Altare hob er eine steinerne Grabplatte auf und ließ die Tote hinabgleiten. Dann schob er die scharrende Platte wieder an ihren Platz und verschwand schweigend, wie er gekommen was, durch die Tür zum Kloster. Das schlürfende Geräusch seiner Klötzelpantoffeln verlor sich in der Ferne. Dem Handwerksburschen kam der Rest dieser Nacht endlos vor. Er zitterte vor Schreck und wusste immer noch nicht recht, ob alles nur ein scheußlicher Traum gewesen war. Als die Morgenglocke ertönte und das Tor wieder aufgeschlossen war, stahl er sich unauffällig davon.
In der Herberge hörte er dann vormittags davon, dass man in Görlitz durch einen rätselhaften Vorfall sehr beunruhigt war. Eine arme Witwe, die in der Fleischergasse wohnte, suchte verzweifelt ihre verschwundene Tochter. Das schöne junge Mädchen war wie gewöhnlich in die Klosterkirche zur Messe gegangen, am vorangegangenen Tage aber nicht nach Hause gekommen. Dem Wanderburschen kamen schreckliche Ahnungen. Er lief zum Rathaus und berichtete über alles, was er nachts beobachtet hatte. Kirche und Kloster wurden umstellt. Der Zeuge führte den Bürgermeister zu der bewussten Grabplatte. Die Stadtknechte hoben den schweren Stein an, und tatsächlich fanden sie darunter das gesuchte Mädchen. Unter den eilends zusammengerufenen Mönchen erkannte der junge Handwerker sofort den Verdächtigen an seinem hässlichen Gesicht wieder. Der Übeltäter leugnete nichts. Er gestand den genauen Hergang des Verbrechens. Das ahnungslose Mädchen hatte er in seine Zelle gelockt, wo es ihm zu Willen sein musste. Die Mönche durften nicht mit Frauen leben, aber dem Gewalttäter fehlte die Kraft, sein Mönchsgelübde zu halten. Die Angst, sein Vergehen könnte herauskommen, ließ ihn zum Mörder werden. Er brachte das Mädchen um und brachte es um Mitternacht allein in die Gruftkammer. Aber der verzweifelte Versuch, die Spuren zu beseitigen, war vergeblich. Zufällig wurde der Wanderbursche zum Mitwisser, und die Wahrheit kam ans Licht.
Zur Strafe ließ man den Mönch lebendig einmauern. Aber sein Geist fand keine Ruhe. Sobald man es irgendwo im Kloster oder in der Kirche klappern hörte, hieß es gleich, das sei wieder der Klötzelmönch. Sogar im vorigen Jahrhundert noch soll ein Barbierjunge vor Schreck zu Tode gekommen sein, weil er sich in den Klostergängen verlief und dort dem spukenden Mönch begegnete.
Wahrscheinlich wurde die Geschichte dieser Bluttat nur deshalb über die Jahrhunderte hinweg überliefert, weil die Görlitzer damit ihrem Unmut über das Lotterleben der Mönche Luft machen wollten.
An der früheren Löwen-Apotheke, die 1945 bei Kriegsende abbrannte, waren zwei steinerne Köpfe zur Fleischerstraße hin angebracht, die mit dieser Sage in Zusammenhang gebracht wurden. Die eine Plastik zeigte eine Frau, die aus der Mauer wie aus einem Fenster nach der Seite sehnsüchtig Ausschau hielt, als erwarte sie die vermisste Tochter. Dieser Frau gegenüber war ein bärtiger, hässlicher Männerkopf zu sehen, von dem man glaubte, es handle sich um den ruchlosen Klötzelmönch. Wie es hieß, hatte ein mitfühlender Bürger diese Steinbilder anbringen lassen, nachdem die unglückliche Mutter aus Gram über den frühen Tod der hoffnungsvollen Tochter gestorben war.

Text: Dr. Ernst Kretzschmar

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