Welterbebewerbung

Die Görlitzer Bewerbung

Wir bewerben uns

Görlitz, 13. Juni 2014

Der Sprung auf die Tentativliste ist Görlitz noch nicht geglückt

Die Kultusministerkonferenz der Länder hat entschieden – Görlitz bekommt vorerst keinen Platz auf der deutschen Vorschlagsliste für den Welterbe-Titel. Ein Vertreter des Sächsischen Innenministeriums überbrachte dem derzeit im Urlaub befindlichen Oberbürgermeister Siegfried Deinege gestern telefonisch die überraschende Nachricht. Keiner der drei aus Sachsen nominierten Bewerber konnte die Expertenkommission davon überzeugen, dass eine Aufnahme auf die Tentativliste zum jetzigen Zeitpunkt gerechtfertigt wäre. Eine Ausnahme ist Schloss Hartenfels mit der Schlosskapelle Torgau, die als gemeinsamer sächsisch/sachsen-anhaltinischer Antrag bereits 2017 in das Welterbe „Luthergedenkstätten“ aufgenommen wird.
Wie das  Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst am Donnerstagnachmittag über eine Pressemeldung mitteilte, empfiehlt die Kultusministerkonferenz Görlitz, die Forschung zu den Görlitzer Hallenhäusern zu intensivieren. Ein nächster Anlauf für die Aufnahme auf die Tentativliste wäre dann 2016 möglich.
„Natürlich wissen wir, dass das Görlitzer Hallenhaus noch weitgehend unerforscht ist. Während des mehrstündigen Gespräches mit der Expertenkommission im Januar haben wir aber an den intensiven Nachfragen und dem großen Interesse der Juroren gemerkt, dass dieser Haustyp ein spannendes Thema für die Fachwelt ist“, sagt Baubürgermeister Michael Wieler. „Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass das Görlitzer Hallenhaus Welterbepotential besitzt und  sind deshalb sehr gespannt auf das angekündigte Gespräch zur Auswertung des Berichtes des Fachbeirates.“
Erst wenn klar ist, welche Themen näher beleuchtet und welche Fragen beantwortet werden müssen, können nächste Schritte für einen erneuten Anlauf zu einer Bewerbung mit vertieften Forschungsergebnissen geplant werden. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die Entscheidung schon im Juni fällt“, erklärt Wieler. „Als nächsten Schritt hatten wir ein Welterbesymposium im Oktober geplant, bei dem sowohl Fachleuten als auch der Görlitzer Bevölkerung unsere Bewerbung vorgestellt wird. Wir wollten mit Experten aus dem In- und Ausland über unser Bewerbungsthema und die Bedeutung eines Welterbetitels für unsere  Stadt ins Gespräch kommen und uns so auf die im Spätherbst erwartete Entscheidung der Kultusministerkonferenz vorbereiten.“ Ob und in welcher Form dieses Symposium nun stattfinden wird, wird in den kommenden Tagen entschieden.

Nachdem der Freistaat Sachsen neben der Gartenstadt Hellerau und zunächst der Leipziger Notenspur auch die Stadt Görlitz als sächsische Kandidaten für die Welterbe-Tentativliste des Bundes nominiert hatte, letztere allerdings mit der Maßgabe den Antrag komplett zu überarbeiten, wurden die Bewerber im Sommer 2012 von der Kulturstiftung der Länder aufgefordert, ihren Antrag entsprechend der von der UNESCO aufgestellten Kriterien bis zum Jahresende 2012 einzureichen. Der zweisprachige Antragstext (deutsch/englisch) durfte fünf Seiten nicht überschreiten und konnte mit bis zu 20 Bildern und Karten versehen sein. Kriterien sind u.a. „Nachweis des außergewöhnlichen universellen Wertes“; „Nachweis der Unversehrtheit und Echtheit der Stätte“ und „Vergleichende Analyse in Bezug auf ähnliche Stätten“. Im August 2013 wurde die Stadt von der Kulturstiftung der Länder entsprechend der Bitte des international besetzten Fachbeirats aufgefordert, die Vergleichsanalyse der Görlitzer Hallenhäuser an der via regia bis zum 6. Dezember 2013 im Hinblick auf „zeitliche, typologische oder geo-kulturelle Bezüge […] mit Stätten in West- und Mittelosteuropa (z.B. mit Regensburg, Schlesien und Böhmen)“ zu vergleichen.


Die Görlitzer Hallenhäuser an der via regia

Das Görlitzer Hallenhaus steht am Beginn der Entwicklung einer frühbürgerlichen Hausanlage, die sich durch eine bemerkenswerte Staffelung hallenartiger Hauszonen in der Grundstückstiefe auszeichnet. Hinter kunstvollen Fassaden verschmelzen tief in das Grundstück hineingezogene Hauszonen zu einem einheitlichen Organismus, in dessen Zentrum eine turmartige Licht- und Treppenhalle übergreifend die räumliche Organisation übernimmt.
Die Görlitzer Kaufleute schufen sich mit diesem Bautyp ein neues architektonisches Kunstwerk as faszinierendem Raumerlebnis, Licht und kunstvoller Ausgestaltung. Während der Entstehung des Görlitzer Hallenhauses wurde ab dem frühen 16. Jahrhundert der Baustil der italienischen Renaissance aufgegriffen. Die selbstbewussten Görlitzer Fernhändler gehörten zu den führenden Protagonisten des neuen Stils und wurden mit ihren repräsentativen Hallenhäusern zu Wegbereitern und Vermittlern kultureller und architektonischer Einflüsse. Die Wechselwirkungen wurden wesentlich begünstigt durch die exponierte Lage der Stadt an der transeuropäischen Handelsroute via regia. Funktionalität wie auch repräsentative Großzügigkeit der Görlitzer Hallenhäuser erwiesen sich als derart innovativ, dass sie im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts zum Vorbild für Kaufmannshäuser in den Handelszentren Böhmens, Mährens, Schlesiens und Polens wurden.
Das Görlitzer Hallenhaus ist die Ausformung eines einzigartigen Bürgerhaustypus in Mittel- und Ostmitteleuropa. Es vermittelt authentische Einblicke in die bürgerliche Lebens- und Geschäftskultur an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Der außergewöhnlich universelle Wert dieses Haustyps liegt in der Einmaligkeit einer baulich-künstlerischen Konzeption, die sich in Grund- und Aufriss spiegelt. Das Görlitzer Hallenhaus nimmt an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert die Einflüsse führender Metropolen auf und verarbeitet sie in eigener Regie unter den herrschenden ökonomischen und sozialen Beziehungsgeflechten.

 

Die Koordinierung der Görlitzer Bewerbung

Der Oberbürgermeister hat eine Expertengruppe einberufen, die aus den Architekturforschern Frank-Ernest Nitzsche, Dr. Andreas Bednarek und dem Historiker Dr. Lars-Arne Dannenberg, sowie dem Bürgermeister Dr. Michael Wieler, dem Leiter des Stadtplanungsamtes, Hartmut Wilke, dem Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde, Peter Mitsching sowie der Referentin des Dezernates II, Frau Astrid Hahn besteht.
Fachlich unterstützt wird die Expertengruppe durch Bernd Schliebitz und Walter Pfitzner vom Verein Haus&Grund Görlitz und Umgebung e.V., den Ortskurator und ehemaligen Baubürgermeister Jörg-Peter Thoms, Udo Frenschkowski vom Landesamt für Denkmalpflege, Michael Vogel, ehemaliger Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde, Siegfried Hoche, Ratsarchivar der Stadtverwaltung Görlitz.

Historie zur Görlitzer Bewerbung

21. Juli 2011      
Gründung der Facharbeitsgruppe Welterbebewerbung

September 2011        
Beschluss des Sächsischen Kabinetts: Eröffnung des Verfahrens zur Suche geeigneter Kandidaten als Vorschlag für die deutscher Tentativliste

Oktober 2011    
Mitteilung des Innenministeriums, dass der Görlitzer Vorschlag grundsätzlich Welterbepotential besitzt und Aufforderung zur Einreichung der Bewerbung

30. Januar 2012    
Einreichung der Bewerbung „Stadtbaukunst Görlitz“  (Altstadt und gründerzeitliche Innenstadt

26. März 2012    
Präsentation der Bewerbung in Dresden

Juni 2012    
Hinweis der Expertenkommission: Reduzierung der Bewerbung auf das Thema: Die  Görlitzer Hallenhäuser an der via regia, Nominierung neben Dresden Hellerau und der Leipziger Notenspur

20. Juli 2012    
Einreichung der neuen Bewerbung

Dezember 2012    
Aufforderung der Kultusministerkonferenz der Länder: Kürzung der Bewerbung und Einreichung von 20 Bildern bis 1.Februar 2013

August 2013    
Aufforderung durch die Kulturstiftung der Länder, die Bewerbung im Punkt „Vergleichsanalyse“ zu vertiefen

Oktober/November 2013    
Exkursion durch Polen, Tschechien und Süddeutschland sowie Recherche in verschiedenen Archiven

6. Dezember 2013    
Abgabe der vertiefenden Vergleichsanalyse

Januar 2014    
Besuch des internationalen Fachbeirates der UNESCO zur Prüfung der Bewerbungsvorschläge für die deutsche Tentativliste

Bildquelle: Rainer Michel

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