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120.000 sahen den Zeppelin

120.000 sahen den Zeppelin

 

Graf Zeppelin am 5. Oktober 1930 in Görlitz


Schon seit Stunden regnete es in Strömen. Starker Wind presste prasselnde Schauer gegen Dächer und Fensterscheiben. Der lange erwartete "Zeppelintag", der 5. Oktober 1930, schien wieder eine Enttäuschung für Görlitz zu bringen wie im Juni, als das Luftschiff auch nicht hatte landen wollen. Aber aufzuhalten war nichts mehr. Die Stadt erlebte einen Trubel wie nie zuvor. Flugzeuge brummten über den Häusern, Reklamezettel wirbelten zu Tausenden herunter, versanken in schmutzigen Regenlachen. Wie in den reklamefreudigen zwanziger Jahren warben die Piloten für die Zigarettenfirma "Bulgaria", "Triumph" und "Haus Bergmann" und auch für die Görlitzer Schokoladenfabrik "Mattke und Sydow". Das Motorengeräusch am Himmel brachte die Menschen schon in regelrechtes Zeppelinfieber.
Das Stadtzentrum war ein brodelnder Topf. Immer neue Reisegruppen quollen aus der Bahnhofshalle, mit den fahrplanmäßigen Zügen und 31 Sonderzügen waren 45.000 Ortsfremde angereist, aus Sachsen, Böhmen, Schlesien und der ganzen Lausitz. Überfüllte Straßenbahnen rollten an den Haltestellen vorüber, sie sollen an dem einen Tage 43.000 Fahrgäste befördert haben. Lebensmittelgeschäfte, Tabakläden und Gaststätten zählten Einnahmen wie lange nicht mehr. Auch die albernsten Zeppelin-Andenken wurden den Straßenhändlern aus den Händen gerissen. Würstchenhändler in den Toreinfahrten waren von Käufern umringt. In vielen Wohnungen reichten Stühle und Essteller nicht für die Verwandten von auswärts. In der Altstadt waren die Stadtführer von wissbegierigen Fremden stark beansprucht. Und immer noch rann der Regen trostlos über Dachluken und Zimmerfenster, dicht bei dicht blickten die Leute unter den schützenden Hauseingängen und Fensterscheiben hervor zum Himmel, besorgt und dennoch in froher Erwartung.
Viele ließen sich zur Landeskrone fahren, um von oben her das technische Schauspiel zu erleben. Die meisten zogen um die Mittagszeit zu Fuß die Heilige- Grab- Straße in Richtung Girbigsdorf los, mit Regenmänteln, Schirmen und Hüten gegen die nassen Böen geschützt. Pferdefuhrwerke und Lastwagen, Fahrräder und Motorräder quälten sich in kilometerlangen Schlangen langsam durch die Menge vorwärts. Über 6.000 Autos von außerhalb waren dabei. In den Kleingärten, auf den Feldern, Wegen und Wiesen rund um den Flugplatz warteten an die 120.000 Schaulustige; die 30.000 bei der ersten Flugschau 1925 nahmen sich dagegen fast kläglich aus.
Für 15 Uhr war in den Zeitungen das Eintreffen des Luftschiffes angekündigt worden. Aber eine Stunde früher, als noch alles unterwegs war, konnte man den riesigen Flugkörper von Nordwesten her aus den tiefhängenden Regenwolken auftauchen sehen. Nun gerieten die Menschenströme erst recht in ein hastiges, aufgeregtes Gedränge. Atemlos stürzte man vorwärts, ob mit oder ohne Eintrittskarte, durchbrach die Absperrungen, rannte sogar auf das Rollfeld. Das Luftschiff hatte mit dem heftigen Wind zu kämpfen. Mehrmals neigte sich die Spitze, aufs neue wurde der Anflug versucht. Endlich kamen die Haltetaue herunter. Die Haltemannschaft aus Soldaten der Görlitzer Reichswehrgarnison und Mitgliedern des Luftfahrtvereins stemmte sich mit vereinten Kräften gegen die Windstöße. Um 14.15 Uhr war die Landung glücklich beendet. 32 Fahrgäste aus Leipzig kamen aus der Einstiegsluke die Treppe herunter, 29 neue Passagiere , darunter Oberbürgermeister Dr. Wiesner, durften einsteigen zum Rückflug nach Friedrichshafen. Vielleicht war es kein Verlust, dass wegen des Regenwetters die vorbereiteten Reden ausfallen mussten. Die Feuerwehr pumpte durch lange Schläuche frischen Wasserballast ein. Schon gegen 14.45 kam das Kommando "Abwiegen!". Mehrmals wurden die Leinen losgelassen und wieder angezogen, während Wasserballast ablief, erst dann sprangen die Motoren an. Tücher und Hüte wurden geschwenkt, Begeisterungsrufe mischten sich zu lautem Jubel. Die sonst so besonnenen Görlitzer und ihre Gäste waren ganz aus dem Häuschen . Von Flugzeugen begleitet und vom Dresdner Meisterfotografen Walter Hahn für zugkräftige Ansichtskartenmotive festgehalten, kreuzte das Luftschiff noch eine Stunde lang über der Stadt und zog eine Schleife rund um die Landeskrone. Für Augenblicke kam die Sonne hinter Wolkenfetzen hervor. Endlich entfernte sich die "silberne Zigarre" in westlicher Richtung.
Mit regennassen Gesichtern und schmutzverkrusteten Schuhen zog die unübersehbare Menge langsam zurück zur Stadt. Man hatte seine Sensation gehabt und war zufrieden. Wieder kamen Straßenbahnen und Autos nur mühsam vorwärts. Wieder füllten sich die Gaststätten mit hungrigen, durstigen und frohgemuten Leuten. Und abends strömten Einheimische und Fremde noch einmal zur Altstadt, wo der Kaisertrutz in roter Farbe angestrahlt war und wo das Rathaus, die Peterskirche und die Gedenkhalle im Scheinwerferlicht in traumhafter Pracht aus dem Dunkel hervortraten. Am nächsten Morgen begann wieder der harte Alltag mit 10.000 Arbeitssuchenden. Denn der Zeppelinbesuch, an den sich diese Generation ein Leben lang begeistert erinnerte, war nur eine kurze Freude gewesen in dieser Weltwirtschaftkrise, die mittlerweile über ein Jahr andauerte und die noch längst nicht ihren schlimmsten Tiefpunkt erreicht hatte.

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